Schlagwörter — zum Springen anklicken
Was ist Innenarchitektur?
Architektur und Innenarchitektur werden manchmal als Geschwister bezeichnet, wobei letzterer häufig der kleinere Platz zugewiesen wird. Doch ist es am Ende eine eigenständige Disziplin?
Eine Tatsache scheint es zu sein, dass die Eine ohne die Andere nicht existenzfähig ist. Wobei funktionale und vorschriftsgebundene Konventionen, neben örtlichen Gegebenheiten, eingebettet in das gesellschaftliche und historische Umfeld, den Architekturentwurf zweifellos deutlicher determinieren, scheint Innenarchitektur, da wo sie über das reine Anordnen von Produkten hinausreicht, auch nicht ganz frei von derartigen Zwängen zu sein.
Botschaften & Gebrauchsanweisung
Beide Disziplinen sind, da wo sie Emotionen auslösen, auf das Schaffen von Atmosphären angewiesen. Das sinnfällige Platzieren eines Gebäudes auf einem Grundstück, das Setzen von Öffnungen und Schaffen von Ausblicken, das Verständlichmachen eines Gebäudes, sendet Botschaften aus. Hier ist der Haupteingang, da der windgeschützte Außenbereich, hier der Empfang, da die Nebenstiege, sind allgemeinverständliche, niederschwellig wahrnehmbare Gebrauchsanweisungen. Sie vermitteln sich, indem sie direkt an Erfahrungen adressiert sind. Sie leiten die Nutzenden auf unmissverständliche Art an. Geh hier entlang, sieh mich so an, öffne diese Türe, in ihrem natürlichen Blickverlauf wird das nächste Angebot gemacht, ist die nächste Botschaft platziert. Nutzende werden, im Idealfall, raffiniert zum Gebrauch angeleitet.
Dazu kommen Hauptakzentuierungen räumlicher Qualitäten. Der natürliche und künstliche Lichteinfall, dazu der Licht- und Schattenwurf. Besonders eindrucksvoll jener sich bewegende von Wasser und Vegetation. Die Wirkung von Materialien und ihren Texturen, ihre haptischen und, nicht zu vergessen, akustischen Qualitäten.
Materialien & Oberflächen
Textilien vereinen mehrere dieser Merkmale, sie können in Bewegung wahrgenommen werden, können transparent sein, weisen haptische, farbliche und akustische Qualitäten auf. Keramische Oberflächen, seien sie glasiert oder matt, Natursteine, Terrazzooberflächen, Hölzer, Auslegeware oder gegossene Oberflächen, sie erzeugen spezielle Kontexte. Sie verweisen auf Zusammenhänge, die wir als gediegen, modern, ländlich, städtisch, nordisch, mediterran, traditionell oder zeitgeistig wahrnehmen. Diese Zuordnungen lassen sich, in Farben, Mustern und Formen, entlang tradierter Erzählstränge weiterführen und bilden so Kulturgeschichte ab, konterkarieren diese, interpretieren sie neu, innovieren sie, schreiben sie weiter fort.
Die durchlässige Membran
An jenem Punkt, wo sich die Überlegungen der Grundrissgestaltung mit den Gedankengängen des Lichteinfalls und damit der Sichtbarmachung der Merkmale von Oberflächen treffen, liegt wohl diese Membran, welche in beiden Richtungen unscharfe Abgrenzungen zeigt und deshalb auch bedingt durchlässig ist. Da wo Innenarchitektur raumbildend wird, ist sie der Architektur ganz nahe, und dort, wo Architektur die klare Formulierung von orthogonalen Räumen verlässt, weist sie Nähe zur Innenraumgestaltung auf.
Aber dort, wo beide Disziplinen sich im Schaffen von Atmosphären bewegen, zeigt sich auch ihre starke Verwandtschaftsbeziehung. Jeder Benutzende kennt diese Phänomene. Sie drücken sich in Gefühlen von Aufgehobensein, in selbstverständlichem Zurechtfinden, in Momenten des Wiedererkennens von Funktion, im Erkennen davon, wie es gemeint ist, aus.
Multisensorisches Erleben
Atmosphärische Gestaltung bietet uns multisensorische Erlebnisse an. Über ihre optischen Reize hinaus haben sie einen Klang, einen Geruch, und sie verführen uns dazu, ihre Haptik wahrnehmen zu wollen. Während Raumwahrnehmung sich in Bewegung der Betrachtenden zu erkennen gibt, vermitteln sich viele der materiellen Reize durch Berührung. Gewicht, Temperatur, Glätte, Rauheit, Faserigkeit, Härte, Weichheit und vieles mehr werden durch die Haptik der Materialien mitgeteilt.
Die meisten dieser haptisch ansprechenden Oberflächen bieten natürliche Materialien an. Holz- und Steinoberflächen, in verschiedensten Bearbeitungsvarianten, sind die am häufigsten genutzten Naturmaterialien. Sie altern auch in einer uns scheinbar verständlichen Weise.
Ein Rundgang
Und hier beginnt die Reise, es ist eine Kommunikation mit vermeintlich stummen Elementen. Schon vor dem Haus vermittelt sich die Position des Eingangs etwa durch ein Vordach, eine steingewandete Türlaibung, deren Schwelle ausgetreten ist, die hölzerne Türe darin, leicht bewittert, aber gut gepflegt, vermittelt schon lange andauernden Gebrauch, ehemalige Gediegenheit, altes Handwerk. Die außenliegende metallene Triebstange, die durch die Mauer ins Innere führt, lässt uns schmunzeln. Denn wer so einen Glockentrieb schon einmal gesehen hat, der versteht. Die geschmiedete Türschnalle klingt auf eine vertraute Art, während man schon auf das Knarzen der Türangel wartet. Sie hält, was sie verspricht.
Das Licht fällt auf sandfarbigen Steinboden. Jede Platte weist eine Nuance Farbunterschied auf. An der gegenüberliegenden Wand, aus leicht welligem Putz, erkennen wir – ein modernes Garderobenmöbel. Geradlinig, die Fugenteilung der grifflosen lindgrünen Laden, elegant angeordnet, darauf eine, scheinbar massive, dicke hölzerne Deckplatte, die Oberfläche ist gefräst und wirkt so zu den Kanten hin erhöht. Die großflächige dunkle Maserung bildet einen lebendigen Gegensatz zu der glatten Oberfläche des Möbelkorpus. Da, wo die Platte aufliegt, ist eine starke Fuge zu erkennen, die den Gegensatz nochmals betont und ihr eine Idee von Schweben verleiht. Vier Ladenhöhen hoch, mittig zweigeteilt, rechts davon, in Höhe der untersten Lade, eine gleichbreite gepolsterte Sitzfläche, welche mit braunem, großporigem Leder bezogen ist.
Die Oberflächen der Deckplatte und der ledernen Sitzfläche scheinen weich zu sein, sie fordern uns auf, sie anzugreifen, ihre Haptik zu erspüren. Und tatsächlich, unsere Erfahrung täuscht uns dahingehend nicht und wir quittieren dies mit einem flüchtigen Schmunzeln. Am Ende des Ganges fällt Licht durch eine Türe und hinterlässt einladende Schattenspiele. Dahin werden wir uns als nächstes bewegen, doch noch ein Blick zur offenen Türe, die wir nun schließen und erkennen, dass sich dahinter eine Garderobenwand befindet. Sie ist aus ebensolchem dunkel gemasertem Holz gefertigt und darauf befinden sich chromfarbige Elemente, welche sich in einem schönen Gegensatz vom Holz abheben. Wir treten näher und erkennen, es sind Klampen, die wir von Booten, zum Verzurren von Seilen, kennen. Wie passend, da wir uns ja unweit des Wassers befinden.
Wir hängen unsere Jacke, wie selbstverständlich, an einen dieser Haken und bewegen uns zielsicher auf den Wohnraum zu, während wir die zarte Wellung des Verputzes wahrnehmen und die unregelmäßigen Bodenplatten betrachten, welche zu den Rändern hin heller zu sein scheinen. Je näher wir kommen, umso interessierter betrachten wir das Lichtspiel, welches durch die Türöffnung fällt, und erkennen ihre alte Verkleidungsleiste, die zum Boden hin etwas bestoßen ist.
Nun stehen wir vor einem wundersamen Dilemma – es ist alles hervorragend gemacht, eine Unzahl an Anknüpfungspunkten und Erlebnissen wurde für den Benutzenden, auf diesen paar Metern, aufgeboten. Das Eine kann ohne das Andere nicht sein, doch solange eine ausgewogene und wertschätzende Beziehung zwischen Architektur und Innenarchitektur besteht, haben sie keine Rivalität untereinander, sie sind Diener einer Sache.
Jener der atmosphärischen Erzählung über den Gebrauch von Gebäuden, entlang der persönlichen Erfahrung der Nutzenden, die sich unterschwellig vermittelt.
Marcus Körner
