Spalt Villa


Ein Pavillon am Kamp

Anfang August, drückende Nachmittagshitze. Anfahrt durch die pittoreske Kellergasse in Etsdorf. Weinkeller reihen sich aneinander, verschiedene Fassadenfarben, unterschiedliche Entstehungszeiten und Stilelemente, die schmale Straße bildet den tiefsten Punkt. Sie wird beidseitig von grasbewachsenen Böschungen gerahmt, darauf fußen die Kellergebäude. Am Ende der Kellergasse ist schon an den weißen Zaunelementen aus Rohrrahmen und Drahtgeflecht ein weitläufiges Grundstück zu erkennen. Eine Zufahrtsrampe überwindet den Geländesprung in spitzem Winkel zur Straße. Von hier aus ist ein grünspaniges Kupferdach mit gewölbtem Abschluss zu erkennen, welches von der Regelmäßigkeit seiner vertikalen Falze gegliedert ist. Darunter wird horizontal ein Fensterband, in mahagonifarbigen Rahmen, sichtbar. Die Untersicht des Daches nimmt die Wölbung auf und scheint aus demselben Material zu bestehen. Das Dach scheint zu schweben. Die weiterführende Grundstücksgrenze ist von dichtem Bewuchs sichtgeschützt.

Annäherung über die Rampe

Je weiter wir die Rampe hochschreiten, umso mehr wird der Blick auf die Straßenfassade des Hauses freigegeben. Deutlich nimmt man die Auskragung des Tonnendaches wahr und erkennt dessen horizontal auslaufende, weit überstehende Dachrinnen. Unweigerlich folgt der Blick dem Weg des hier abzuführenden Wassers und entdeckt den Sickerschacht, dessen Betonring kiesgefüllt eine Handbreit aus der Wiese ragt.

Auf dem Grundstücksniveau angekommen erkennt man linksseitig eine Böschung, welche durch eine breite Stiege erschlossen wird. Hier grenzt das Haus an den Geländesprung zum Weingartenniveau. Es bleibt lediglich ein steingedeckter Umgang in Ausdehnung der Dachauskragung. Die Schräge der linken Stiegenanlage schafft einen Ausgleich zur rechts an das Gebäude angrenzenden, nur von einem außenliegenden Stiegenaufgang getrennten, verglasten Wintergartenkonstruktion, welche halbgeschoßhoch aus dem Grundstücksniveau ragt und nach vorne die Wölbung der Dachform aufnimmt, auf der eine Terrasse aufsitzt. Diese weist dasselbe Geländer auf wie die Zaunelemente. Der Dachüberstand korrespondiert mit der Breite der Außenstiege und schützt so den Umgang rund um das Haus.

Johannes Spalt & die Pavillon-Idee

Johannes Spalt, der Architekt der Villa, war von Pavillons und Paravents fasziniert und hat diese Typologien auch aktiv beforscht. Man kann Ergebnisse dieser Forschungen an dem Hausentwurf für den Möbelhersteller Wittmann ablesen. Das auskragende Dach, seine Tonnenform, das zentrale Oberlicht, ein offenes, leicht wirkendes Raumkonzept mit durchlässiger Struktur und das Fensterband.

Split-Level & Lichtführung

Die Geschoßteilung des Gebäudes entspricht einer klassischen Split-Level-Struktur. Das bedeutet, dass beispielsweise der straßenseitige Eingang und die Garage auf dem Gartenniveau liegen, die Schwimmhalle und der Wellnessbereich ein Halbgeschoß tiefer, die Südterrasse und das Atrium ein Geschoß darüber liegen, letzteres aber die eineinhalbfache Raumhöhe aufweist, welche zusätzlich durch ein zentrales Oberlicht erhellt wird und alle umliegenden Räume, wie Küche, Essbereich, mehrere Schlafzimmer, Musikzimmer, Bibliothek, durch eine Galerie, ein Halbgeschoß höherliegend, zu begehen sind. Das gesamte Haus bietet, in allen klassischen Nutzräumen, beste Lichtdurchflutung, was einerseits an den umlaufenden Fensterbändern und andererseits an den, in den Eckräumen des Wohngeschoßes, nach innen weitergezogenen Oberlichten liegt.

Rundgang durchs Haus

Es bietet sich beispielsweise ein atemberaubender Blick entlang des Pools aus der Schwimmhalle, deren Fußbodenniveau sich ein halbes Geschoß unter dem des Gartens befindet. Mit seinen Lichtspiegelungen, den onyxverkleideten Wänden und der Sicht auf die, sich in der Wintergartenkonstruktion wiederholende, nach oben gewölbte Dachform, wird die Aufmerksamkeit auf einen kleinen, nicht überdachten Außenbereich gelenkt. Dieser lädt zum windgeschützten Sonnenbaden ein. Mittig führen sechs Stufen auf das Rasenniveau und man erkennt in der Ferne – einen Pavillon, welcher in Miniaturform die Stilelemente des Hauses zitiert. Man fragt sich unweigerlich, wer hat wen beeinflusst – das Haus den Pavillon, oder umgekehrt?

Betritt man, aus den seitlich einmündenden Stiegenläufen, den Atriumraum, wird der Blick zuerst von einem überdachten Terrassenbereich und der davorliegenden Außenterrasse auf dem Dach des Schwimmbades angezogen. Gegenüber befindet sich der Zentralraum mit großem Kamin und einem Edelstahlabzug. Mittig in der Decke ist das Oberlicht eingelassen, welches diesen eineinhalb Stockwerke hohen Hallenraum zusätzlich, durch die mahagonifarbige schiffssperrholzgedeckte Dachkonstruktion, belichtet.

Folgt man dem Stiegenlauf ein Halbgeschoß weiter aufwärts, betritt man eine sich zum Garten hin öffnende Galerie. Die äußeren Ecken dieses Geschoßes sind durch Holzwände räumlich getrennt, aber durchgehend mit Oberlichten versehen. Dazwischen fällt der Blick auf die Terrasse, den Garten und den Pavillon, gegenüberliegend auf den Hang zum Weingarten. Jedes der vier Eckzimmer hat zwei mit Fensterbändern verglaste Seiten. Dem ostseitigen Schlafzimmer zugeordnet, befindet sich noch eine Terrasse, welche auf dem Galerieniveau liegt.

Der Charakter eines Schiffes

Nach dem ersten Begehen des Hauses ist man hin und her gerissen zwischen unterschiedlichen Stimmungszuordnungen. Es ist ein unvergleichliches Gebäude der siebziger Jahre, es hat eindeutige Stilelemente der Pavillon-Idee. Die zwischen Haus und Pavillon korrespondierenden Stilmittel sind ohne Garten nicht denkbar. Deshalb ist es natürlich ein Haus, welches verschiedenste Ausblicke auf den Garten in Szene setzt.

Das Gebäude hat aber auch den Charakter eines Schiffes. Das ist beim Ausblick aus dem Schwimmbad gut zu erkennen, der den Blick von einer Schiffsbrücke vermittelt. Sieht man das Wohngeschoß mit dem dazugehörigen Atrium vor diesem Hintergrund an, findet man auch hier viele Anknüpfungspunkte. Die Gestaltung der Decke, in mahagonifarbigem Schiffssperrholz, welche scheinbar nahtlos in die außenliegende Wölbung des Dachüberstandes übergeht, die Ausbildung der Wände zu den Räumen im Galeriegeschoß im selben Material, welche man als Kajüten lesen kann, dazu in strengem Gegensatz stehend das Edelstahlrohr des Kamins im Atrium, der Blick auf die südliche Terrasse und in weiterer Folge auf den Pavillon, lassen sich, neben dem Fensterband, als schiffsähnlich lesen und vermitteln eine Idee von Ausrichtung in Längsausdehnung des Grundstückes. Das Spiel mit Niveauunterschieden, darunterliegend im Schwimmbad, darüberliegend auf der Terrasse, zusammengeführt mit dem Atrium und einem überdeckten Außenbereich, darüber das Galeriegeschoß, welches die höchste Position für weitestgehend sonnengeschützte Aussichten anbietet, unterstützt diesen Charakter eines Dampfers.

Unabhängig davon, wie man dieses Gebäude lesen möchte oder welche Narrative man darin finden mag, es ist und bleibt eine Ikone der Moderne und sie ist eingebettet in die Kamptaler Weinregion.

Die Villa Wittmann ist die modernistische Idee eines Pavillons in einer Kellergasse.

Marcus Körner

🏢 Mölker Bastei 3/14, 1010 Wien