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Dramaqueen in Wien – Einlassen auf Wege und Plätze
Ein kalter Februartag vor einem Gebäude, welches offensichtlich der klassischen Moderne zugehörig ist. Die Straßenfassade zeigt eine, mit Hilfe von Rechtecken und Kreissegmenten geschaffene Gliederung. Es fallen unterschiedlich große Fensteröffnungen auf, welche uneinheitlich angeordnet scheinen. Davor zwei mächtige Bäume, deren Äste sich an der Fassade abzeichnen. Ein massiger erkerartiger Vorbau dominiert den Mittelteil, welcher eine markante rechteckige und eine runde Öffnung aufweist. Er ist auf zwei Piloten gestützt, darunter der offensichtliche Haupteingang. Rechts davon, ein Zweiter, ist durch einen Überstand mit halbbogenförmiger Überdachung gekennzeichnet. Die runden Formen verweisen aufeinander. Die Fassade wirkt, trotz ihrer asymmetrischen Gliederung, ausgewogen.
Erster Akt
Man schlüpft durch den Haupteingang, lässt ein kleines Entré hinter sich und während man den anschließenden Vorraum betritt, nimmt man die niedrige Raumhöhe deutlich wahr. Alles ist gut durchdacht, schön gearbeitet, trotzdem beginnt man sich zwangsläufig zu fragen, wann man mehr von diesem riesigen Haus zu sehen bekommt? Durch die vorangegangene Schlichtheit sollten wir sensibilisiert werden, denn nach dem Öffnen der nächsten Türe, trifft uns der Gegensatz von Licht, Raum und Ausblick mit voller Wucht. Das Blickfeld wird von der schieren Raumhöhe und einem Fenster, welches den Gartenblick rahmt, dominiert. In einer weiteren Wahrnehmungssequenz erkennen wir, es handelt sich um einen, in den Garten auskragenden schmalen Baukörper, welcher dreiseitig verglast ist. Wir beginnen zu verstehen — dieser Raum dient der Betrachtung des Gartens — er ist ohne ihn nicht denkbar!
Zweiter Akt
Unweigerlich drängt einen die Neugierde, die Qualitäten dieses Raumes zu erfahren, auf die Mitte zu. Dabei hat man immer den Garten im Blick, eine Säule ist zu erkennen, die Verlängerung der niederen Geschoßdecke, welche darauf lastet, links eine Stiege, welche zu einem Halbgeschoß führt, gegenüber einer zwei Stockwerke hohen Öffnung. Wendet sich der neugierige Blick nun zurück Richtung Eingangstür, erschließt sich plötzlich die gesamte Dramatik. Wir nehmen wahr, dass wir uns hier auf dem uns zugewiesenen Platz befinden. Dieser Begriff trifft es genau, denn die Mitte dieser Halle ist ein Platz, auf den Alles zuläuft. Die beiden Einschnitte in den Hallenraum rechts und links, rahmen den Blick auf das Zwischengeschoß, welches von der Säule durchdrungen wird. An zwei Seiten in die Halle offen, wird dieser Raum von einem stählernen Geländer, welches an einen Ozeandampfer erinnert, gesichert. Rechts, im Vordergrund, ist ein gewaltiger Rippenheizkörper, gefasst in einer gegossenen Kunststeinschale, zu sehen. Dahinter beginnt der Stiegenaufgang zum, im Halbgeschoß befindlichen, Wohnzimmer. Aus dieser Perspektive wird die, schon festgestellte, unterschiedliche Geschoßteilung sichtbar. Dem Stiegenverlauf folgend, erreicht man das Zwischengeschoß, welches ein Musikzimmer beherbergt und jener Raum ist, in dem sich das runde Fenster befindet. Diese vier Wohnbereiche bilden die Bühne für privates und gesellschaftliches Leben, gehobenen Anspruchs, der Dreißigerjahre. Die Rückzugsräume werden durch eine kreisförmig gewendelte Treppe erreicht, deren geschwungene Untersicht sich mit der Decke, zum Obergeschoß skulptural, verschneidet. Das, durch die straßenseitigen Fenster einfallende, Licht unterstreicht charmant, die Skulpturenhaftigkeit dieses Ensembles.
Die Säule des Zwischengeschoßes hat eine zentrale Bedeutung in der Wahrnehmung der Halle des Gebäudes. Um sie drehen sich Betrachtende, entlang der Blickachsen im Raum. Sie ist dabei, über die gesamte Längsausdehnung des Gebäudes, immer im Blick.
Josef Frank und Oskar Wlach schufen 1930 ein Glanzstück der Moderne, welches mit Bauten von Le Corbusier und Mies van der Rohe vergleichbar ist. Der, von Frank stammende, Begriff des Akzidentismus ist als Gegenentwurf zur modernen Architektur zu verstehen. Er stellte sich damit gegen das Konzept des Gesamtkunstwerkes, ließ Zufälligkeiten und Notwendigkeiten, in seine Entwürfe einfließen. Seine Bauten sollten unterschiedliche Stilrichtungen beherbergen und lebendige Atmosphären schaffen können.
Der Weg, der diese einzelnen Plätze in den Wohnräumen miteinander verbindet, muss so abwechslungsreich sein, dass man seine Länge niemals empfindet.
Josef Frank, „Das Haus als Weg und Platz“, in: Der Baumeister, 8/1931, S. 316–323
Das schrieb Josef Frank in seinem Artikel „Das Haus als Weg und Platz“ im Jahr 1931. Seine Worte finden noch heute ihren Widerhall beim Erkunden des Gebäudes. Diese Architektur führt den Blick, leitet den Schritt, macht neugierig sie zu erkunden und folgt man ihr, wird man mit besonderem belohnt. Das Erzeugen von Aufmerksamkeit, entlang der Blickachsen, lenkt die Wegeführung und führt den Betrachter zu Plätzen, welche ideale Aussichtspunkte im Raum anbieten, um diese zu genießen.



