Karlskirche


Verdoppelung einer Kirche — Wien, Karlsplatz

Wir schreiben Ende März, trotzdem empfängt mich ein grau verhangener Himmel am Platz vor der Karlskirche. Jedoch ist er ein perfekter Rahmen für dieses Bauwerk. Sein heller Verputz, durchbrochen von bogenförmigen, ovalen und rechteckigen Öffnungen, die beiden hohen Säulen, das grüne Kuppeldach und die wenigen goldenen Verzierungen darauf, heben sich deutlich ab vom Grau. Eine wahrlich majestätische Komposition, mit welcher Johann Bernhard Fischer von Erlach aus einem Wettbewerb als Sieger hervorging.

Votivkirche & Stifter

Dem interessierten Besucher erschließt sich, dass es sich um eine Votivkirche als Dank für das Ende der Pestepidemie 1713/14 handelt. Der Einlöser des Gelöbnisses, diese Kirche zu stiften, war kein Geringerer als Kaiser Karl VI. Dieser Umstand macht verständlich, warum der Barockbaumeister derart tief in seine Entwurfsregister griff. Es galt, die weltliche und die kirchliche Macht in diesem Bauwerk ausgewogen zu vertreten. Weshalb wohl auch Anleihen an verschiedenen geschichtlichen Vorbildern genommen wurden.

Säulen & Vorbilder

Dem mächtigen Kuppelbau vorgesetzt erkennt man außen zwei Glockentürme mit Kutscheneinfahrten, welche einen portalartigen Vorbau begrenzen. Aus den Einfahrten führen seitliche Zugänge ins Innere des Kirchenraums. Zentral vorgelagert eine Freitreppe, welche auf den Portikus eines Tempelportals zustrebt. Die Stiegenanlage wird von zwei gewaltigen Säulen flankiert, welche Assoziationen zur Trajanssäule hervorrufen. Auf ihnen wird, in aufsteigender Wendelung reliefiert, die Lebensgeschichte des Namenspatrons und Pestheiligen Karl Borromäus dargestellt. Dieses Konzept ist in beste barocke Formensprache eingebettet.

Stadtkontext & Achsenbildung

Vergegenwärtigt man sich die Tatsache, dass die Karlskirche bei ihrer Fertigstellung 1738 beinahe freistand — davor der unregulierte Wienfluss, an seinen Ufern Baumbestand, dazwischen bis zur Stadtmauer das Glacis, welches in Friedenszeiten einen Erholungsraum darstellte —, erkennt man den Willen zur Achsenbildung zwischen der Stadt und der sogenannten „Neuen Favorita“, dem Lieblingsschloss des Kaisers, durch dieses weithin sichtbare höchste Gebäude in dieser Himmelsrichtung.

Selbst auf der rund 20 Jahre später datierten Vedute von Canaletto, welche den Blick vom Oberen Belvedere aus zeigt und heute noch eine Referenz für das Wiener Hochhauskonzept darstellt, ist die Karlskirche als eines der drei höchsten Gebäude zu sehen. Heute ist sie rechts vom Gebäudekomplex der alten Technischen Universität, welche rund hundert Jahre später errichtet wurde, und links von einem Bürogebäude der frühen 1970er-Jahre gerahmt.

Verdoppelung

Der davorliegende Platz mit dem ovalen Teich und der darin befindlichen Skulptur des englischen Bildhauers Henry Moore wurde erst in den späten 1970er-Jahren gestaltet. Die richtige Position einnehmend, sieht man die Ansicht der majestätischen Kirche und ihre Spiegelung auf der Wasseroberfläche. Der Bildhauer, dessen Skulptur ein Geschenk an die Stadt Wien war, rückte diese an den Rand des Teiches, um eine Konkurrenz mit der barocken Architektur zu vermeiden.

Auf der Wasseroberfläche des Ovals verdoppeln sich Protagonisten und ihre Geschichte.

Marcus Körner

🏢 Mölker Bastei 3/14, 1010 Wien