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Patty Smith, Arena Wien — Wie Ikonen feiern
Kurz vor 19:00 Uhr, Ankunft in der Baumgasse 80, 1030 Wien. Eine lange Menschenschlange steht zum Einlass, in die legendäre Arena, an. Während der Pulk sich vor der Backsteinfassade, die es eindeutig als industrielles Jahrhundertwendegebäude ausweist, vorbeischiebt, kann man in den Graffitis wie in einem offenen Buch über Gegenkultur und Widerständigkeit lesen. Teile dieser Zeugnisse stehen heute unter Denkmalschutz. Seit den ausgehenden Siebzigerjahren besteht hier ein alternativer Kulturverein, welcher Konzerte veranstaltet. Dieser Nutzung ging die Besetzung eines benachbarten Schlachthofgebäudes voran, welches geschliffen wurde. (Bestens nachzulesen unter: Wikipedia — Arena Wien.)
Wie Ikonen feiern
Menschen unterschiedlichen Alters kommen hier zusammen, manche in ihren Zwanzigern, andere bereits jenseits der Siebziger. Scheinbar gibt es auch keine Dresscodes, Jeans und T-Shirts werden neben Anzug und Krawatte getragen. Was alle Besucher verbindet, ist das heutige Konzert einer Ikone, die hier schon oftmals gastierte und diesen Ort als eine ihrer Lieblingsbühnen bezeichnet. Patty Smith, eine Legende der Punk- und Rockmusik, stolze 79 Jahre alt. Heute treffen jedoch noch andere Superlativen aufeinander, 50 Jahre Arena Wien und 75 Jahre Wiener Festwochen, in deren Rahmen das Konzert stattfindet.
Inzwischen wurden wir, nach strenger Sicherheitskontrolle auf das Freigelände vorgelassen, welches sich neuerlich mit Menschenschlangen, diesmal vor den Getränkeausgaben, füllt. Es breitet sich die freundlich-amicale Stimmung eines Popkulturevents aus. Sie wird von einer gemeinschaftlichen Einstellung getragen. Diese vermittelt ein Einverständnis darüber, was heute zu erwarten ist, dass man sich unter Gleichgesinnten befindet und dass heute gefeiert wird. Eine Messe für Toleranz, für Gleichberechtigung, für Mitbestimmung und Offenheit. Die Zeremonienmeisterin vertritt ihre Gesinnung und ihre Wurzeln offenherzig. Sie kennt ihre künstlerische Herkunft, nennt ihre Vorbilder und gedenkt ihnen.
Gelände & Intervention
Inzwischen haben wir das abschüssige Freigelände vor der Bühne erreicht. Auf dem Vorbau des Bühnendachs sind abgespannte Transparente, welche auf die Jahrestage verweisen, zu sehen. An den Außenseiten, Fahnenstangen mit Piratenflaggen. Alle neuen Elemente auf diesem Gelände sind von einem rohen Charme geprägt, der sich perfekt mit der Backsteinoptik und den Graffitis des Bestandes verträgt. Der Bühnenaufbau ist aus Gerüststangen gebaut. Der historische Schlot steht zeichenhaft, beinahe mittig am Gelände und ist aus jeder Betrachtungsperspektive im Blickfeld. Dazwischen befindet sich eine, zur Bühne offene, Spange aus Sichtbeton. Es handelt sich um das Gelenk dieser feinfühligen architektonischen Intervention des Architekturkollektivs RATAPLAN und bildet die Verbindung zur dahinter liegenden Veranstaltungshalle. Bühnenseitig ein Stiegenaufgang, horizontal weiterlaufend, die Ausbildung einer Tribüne, knapp vor der Basis des Schlotes vertikal nach oben verlaufend, und darüber wieder horizontal, die Überdachung.
Die Spange ist förmlich der gemeinschaftlich zu nutzende Logenplatz der Arena.
Marcus Körner
Noch ist es nicht Dunkel, aber die Bühnenbeleuchtung hebt sich unwirklich vom darüberliegenden Himmel ab — das Spektakel beginnt. Konzert und Dämmerung schreiten voran und auch die Beleuchtung der Schlotbasis tritt deutlicher hervor. Rechts und links des leicht geneigten Schlotes, sind zwei Hochhäuser zu erkennen. Diese beiden baulichen Neuzugänge scheinen ihn rahmen zu wollen.
Traum & Vorbilder
Gefühlt in der Mitte des Konzertes gewährt Patty Smith uns Einblick in die Entstehungsgeschichte ihres kreativen Prozesses. Sie erzählt eine Traumsequenz, in der sie Jim Morrison prometeusgleich, in einem Stein gefangen wahrnahm und ihn befreien wollte. Es folgt erheitertes Gelächter aus dem Publikum. Patty antwortet lächelnd: „It was a Dream!“. Der Song heisst „Breake it up“, diese Worte bilden auch den Refrain und sind unweigerlich mit der Assoziation zu der Textzeile der Doors „Break on Through (To the Other Side)“, verbunden. Dieses Moment birgt die Kommunikation mit Vorbildern, mit Jenen die den Weg aufbereitet haben und steht exemplarisch für die Inspiration, die sie dadurch sucht und weitergeben will. Denn diese Frau, die in der kürzlich im ORF ausgestrahlten Dokumentation „Patty Smith: Poesie und Punk“, als die kleine Schwester von Keith Richards bezeichnet wurde, will überzeugen. Das merkt man spätestens bei der abschließenden, affirmativen Botschaft zum Song „People have the Power“: „Use your Voice!“.
Bekenntnis
So wird auch die Messe beschlossen, denn Glaube besteht aus Bekenntnissen und das weiß Sie. Das ist auch der Grund, warum Sie diesen Ort so liebt, weil ihre Botschaften hier ablesbar sind, weil er dafür steht. Ein Blick noch zum Himmel über der Bühne, diesmal links, zwischen der Spange und der Bühne. Nun ist es tiefe Nacht, es ist wieder still geworden, der Mond steht sichelförmig am Himmel und darunter weht schemenhaft sichtbar, die Totenkopffahne.
Als könnte man es hören: „Use your Voice!“.



